Das Heilige Tal der Inka – Nahrungspflanzen

Das Heilige Tal der Inka – Nahrungspflanzen

Fast 4000 m erreichen die grünen Gipfel der peruanischen Anden über uns, unter uns im Tal fügen sich kleine Felder Quinoa, Amaranth und Mais zu einem bunten Mosaik. Wir bewegen uns inzwischen parallel zur Bergflanke, nach einem kurzen, aber anstrengenden Aufstieg zu einer fast vergessenen Inka-Ruine: Pumamarka. Die Höhe macht sich bemerkbar und lässt jeden Schritt anstrengender werden, als er gefühlt sein sollte.

Wir – das sind mein Mann und ich, sieben weitere Teilnehmer, vier Organisatoren der NGO Plants and Healers International (PHI) und unser einheimischer Guide, Wither. Wir sind also bestens betreut und werden in der nächsten Zeit staunen, wie viel Wissen jeder Einzelne dieser besonderen Truppe zu teilen hat.

Der Pfad ist schmal, wir laufen einer nach dem anderen. Wither bildet den Schluss und zückt seine Quena, eine aus einem Holzrohr gefertigte Andenflöte, um uns darauf zu begleiten. „Ein Lied für die Apu, die Berggötter“, sagt er. Es ist der erste Ausflug unserer 11-tägigen ethnobotanischen Reise. Am Vortag trafen wir uns am Flughafen von Cusco, um gemeinsam mit dem Bus über rumpelige Serpentinen ins Heilige Tal der Inka hinabzufahren.

Marc Williams, Ethnobotaniker und Geschäftsführer von PHI, führt unseren plant walk, unseren Pflanzenspaziergang, an. Er ist Initiator dieser Reise im April 2019 mit dem Thema ethnobotany of food, medicine and craft. Wir wollen herausfinden, wie die indigene Bevölkerung Nahrungs-, Heil- und Färbepflanzen verwendet.

Nahrungspflanzen

Gleich zu Beginn unserer kleinen Wanderung lernen wir eine Pflanze kennen, die zum Liebling aller wird. Auf Spanisch heißt sie huacatay. Die aromatischen Blätter dieser Tagetes werden zu einer süchtigmachenden Würzsauce bereitet und z.B. zu Flussforelle, trucha, gereicht. Das getrocknete Exemplar huacatay in meinem Reisetagebuch duftet immer noch!

Huacatay
Huacatay (Tagetes minuta, Asteraceae)

Am Abend zuvor gab es jedoch eine andere Pflanze zu essen, die uns jetzt in voller Blüte begegnet: tarwi, eine Lupinen-Art. Das Apu Veronica Restaurant in Ollantaytambo serviert die Samen als Hummus. Wichtig ist, sie ausreichend zu wässern, sonst sind sie giftig.

Auch bei uns findet man frische Maracuja – sie sind jedoch kein Vergleich zu den Früchten, die in Peru auf jedem Markt angeboten werden. Wir treffen während unserer Reise auf alle möglichen Arten von Passionsblumen, spanisch tumbo. Auf diesem ersten Spaziergang blüht ein besonders schönes Exemplar.

Lupine
Tarwi (Lupinus mutabilis, Fabaceae)
Passionsblume
Tumbo (Passiflora spec., Passifloraceae)

Unser plant walk führt uns durch die unterschiedlichsten Vegetationszonen eines Seitentals, bis wir auf der Höhe von Ollantaytambo wieder auf das eigentliche Valle Sagrado treffen, wo wir die nächsten Tage verbringen. Das Hochtal beginnt bei Pisac (2715 m) und folgt dem Fluss Urubamba vorbei an den Dörfern Urubamba und Ollantaytambo über 100 km bis nach Aguas Calientes (2410 m) am Fuße der Inka-Stadt Machu Picchu. Die Inka bauten nicht nur zahlreiche Heiligstätten in diesem Tal, ihm kommt bis heute wegen des fruchtbaren Bodens eine besondere landwirtschaftliche Bedeutung zu.  

Landwirtschaft
Blick auf das Heilige Tal, Ollantaytambo, Peru

Amaranth (nicht abgebildet, spanisch kiwicha, Amaranthus caudatus, Amaranthaceae), Quinoa, Kartoffeln und Mais gehören nach wie vor zu den Grundnahrungsmitteln Perus. Die Inka optimierten den Anbau auf Terrassen und züchteten neue Pflanzensorten. Man mutmaßt, dass die kreisrunden Terrassen von Moray unweit des Dorfes Maras dazu dienten, die besten Bedingungen für Kulturen zu bestimmen, denn jede Stufe besitzt ihr eigenes Mikroklima. [1]

Quinoa
Quinua (Chenopodium quinoa, Amaranthaceae)
Qinoa-Detail
Moray
Terrassen von Moray, Maras

Die Vielfalt ist gerade bei Kartoffeln, spanisch papas, und Mais riesig und reicht jeweils in die mehreren Tausend. Viele Sorten sind so an Klima und Boden angepasst, dass sie nur im peruanischen Hochland wachsen. Genauso zahlreich sind die Zubereitungen. Als cancha oder chulpi bezeichnet man Maiskörner, die frittiert oder geröstet werden, um sie als Snack zu verspeisen.

Kartoffeln
Gebackene Kartoffeln (Solanum tuberosum, Solanaceae) im Inka's Tower Restaurant, Ollantaytambo
Brokkolil-Suppe-Chulpi
Chulpi (Zea mays, Poaceae) auf der Suppe im Garden of Vegan Peru, Urubamba

Choclo heißt eine Sorte Mais mit besonders großen, weißen Körnern, die gekocht z.B. mit großen Stücken Käse serviert werden: choclo con queso. Weit verbreitet ist ein süßes Erfrischungsgetränk, das man aus violettfarbenem Mais zubereitet: chicha morada. Mit dieser Sorte wird auch Wolle gefärbt.

Mais
Getrocknete Maiskolben (Zea mays, Poaceae) im Qolqanpata Inka Park, Cusco

In die Geschichte eingegangen sind die Inka jedoch nicht als Pflanzenzüchter, sondern als Ingenieure und Architekten. Den Festungstempel in Ollantaytambo, zu dem steile Steinterrassen hinaufführen, finde ich persönlich noch beeindruckender als Machu Picchu. Kein Gebäude ist zufällig positioniert. An hohen Feiertagen wie der Wintersonnenwende beispielsweise fallen die Sonnenstrahlen hinter einem gegenüberliegenden Berg so auf die Ruinen, dass nur der Tempel angeleuchtet wird [2].

Ruinen-Ollantaytambo
Inka-Ruinen, Ollantaytambo
Ollantaytambo
Ollantaytambo, Peru

Unvorstellbar wie die Inka allein mit Menschenkraft riesige Steinquader transportiert und ohne Mörtel so aneinander gefügt haben, dass sich nicht einmal ein Messer dazwischen schieben lässt! Zum Schutz vor Erdbeben bauten sie Wände leicht geneigt und Fenster oder Nischen trapezförmig, was man auf dem Foto unten sehr gut erkennt.

Ruinen-Ollantaytambo
Inka-Ruinen, Ollantaytambo

Von Ollantaytambo fahren wir mit dem Zug in knapp zwei Stunden nach Aguas Calientes, um Machu Picchu zu bestaunen. Damit lassen wir die Welt der Gebirgspflanzen hinter uns. Weder cantu, dem Sonnengott Inti geweihte Nationalblume Perus, noch queuña, den Baum der Inka mit seiner kupferfarbenen, abblätternden Rinde gibt es hier. Letzerer wurde zum Hausbau und als Feuerholz benutzt.

Cantu-Nationalblume
Cantu (Cantua buxifolia, Polemoniaceae)
Queuna-Rinde
Queuña (Polylepis spec., Rosaceae)

Machu Picchu liegt bereits im Nebelwald und ist Wendepunkt unserer Reise. Orchideen, Bromelien und Farne fühlen sich hier wohl. Während die Pflanzen uns begeistern, sind wir froh, die touristische „Goldgräberstadt“ Aguas Calientes nach zwei Nächten wieder verlassen zu dürfen. Unser Ziel ist das andere Ende des Heiligen Tals. Pisac und Cusco werden uns mehr über Heil- und Färbepflanzen ihrer Bewohner erzählen. Wie es uns ergeht, liest du im zweiten Teil dieses Reiseberichts.

Machu-Picchu
Machu Picchu, Peru
Epiphyten
Epiphyten, Aguas Calientes, Peru

Fotos: Reinhard Hecht

Literatur

[1] McCarthy, C., Benchwick, G., Egerton, A., Tang, P., Waterson, L.: Lonely Planet Peru. MairDumont, Ostfildern 2016.
[2] Elorrieta Salazar, F. E., Elorrieta Salazar, E.: Cusco and the Sacred Valley of the Incas. Tankar E.I.R.L., Cusco 2007.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. marc williams

    Fantastischer bericht über die reise und wunderschöne fotos! Vielen dank fürs teilen !!!

    1. Julia Hecht

      Vielen lieben Dank, Marc, dass du dir die Zeit fürs Lesen genommen hast und für deinen Kommentar – sogar auf Deutsch! Ohne dich und dein tolles Team hätten wir Peru nie so erlebt! Herzliche Grüße, Julia

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